Nach Chemo und neuer Amputation: 5km-Lauf geschafft!

Fünf Kilo­me­ter durch die Wup­per­tal City lau­fen: Was für vie­le geüb­te Frei­zeit­sport­ler bereits eine Her­aus­for­de­rung bedeu­tet, ist mit Pro­the­se und gera­de über­stan­de­ner Che­mo-The­ra­pie ungleich schwie­ri­ger. Aber ich woll­te auch mit Han­di­cap zei­gen, dass das klappt.

Motivation nach Schicksalsschlägen

Was hat mich dazu ange­trie­ben, bei so einem Event wie dem Wup­per­ta­ler Schwe­be­bahn­lauf mit­zu­ma­chen? Da ich mir immer wie­der neue Zie­le in mei­nem Leben mit Pro­the­se set­ze, stel­le ich mich auch immer wie­der neu­en Her­aus­for­de­run­gen. Das ist es, was mich dazu treibt, nie auf­zu­ge­ben. Vie­le Men­schen haben nach Schick­sals­schlä­gen ein Pro­blem damit, sich neue Zie­le zu set­zen, doch dank der Unter­stüt­zung von Fami­lie und Freun­den schaf­fe ich es immer wie­der, mich neu zu moti­vie­ren, mei­nen inne­ren Schwei­ne­hund zu über­win­den.

Genau das pas­sier­te auch, als ich gefragt wur­de, ob ich mit mei­nen Kol­le­gen beim Schwe­be­bahn­lauf mit­lau­fen möch­te. Okay, von lau­fen kann noch nicht die Rede sein. Eher in einem flot­ten Tem­po gehen. An rich­ti­ges Lau­fen ist nach so einer kur­zen Zeit natür­lich noch nicht zu den­ken. Ich ste­he ja nach der letz­ten Ampu­ta­ti­on im Janu­ar, erst seit gut vier Mona­ten wie­der auf der Pro­the­se. Oben­drein gehe ich mit einer ganz nor­ma­len All­tags­pro­the­se an den Start und lau­fe nicht mit einer spe­zi­el­len Sport­pro­the­se mit einem Federfuß.


Prothese gebrochen – am Tag vor dem Start

Doch genau das hat mich dazu ange­trie­ben, die­ses Wag­nis ein­zu­ge­hen. Mein Vor­ha­ben schien zunächst jedoch zum Schei­tern ver­ur­teilt zu sein. Am Tag vor dem Start habe ich Gleich­ge­wichts­übun­gen durch­ge­führt, emp­foh­len von mei­nem Phy­sio­the­ra­peu­ten – und prompt bricht mein Inte­rims­schaft. Dank einer Not­re­pa­ra­tur durch einen Kol­le­gen aus dem Sani­täts­haus klapp­te es aber gera­de noch recht­zei­tig. Glück gehabt! Die Moti­va­ti­on war wie­der da und der Sonn­tag konn­te kom­men…

Mein Ner­ven­kos­tüm wur­de schon vor dem Lauf auf eine har­te Pro­be gestellt: Unzäh­li­ge Bekann­te und mei­ne bes­te Freun­din fan­den sich an der Stre­cke ein, um mir alles Gute zu wün­schen. Der Druck, der somit auf mir las­te­te, nahm unent­wegt zu. Zudem bin ich ja jemand, der sich selbst unter Druck setzt. Ein Schei­tern gibt es für mich nicht. Um kurz vor 16 Uhr konn­te auch ich end­lich, in Beglei­tung von zwei Kol­le­gin­nen mit deren Part­nern sowie einem Foto­gra­fen von der „Agen­tur Sim­ply Dif­fe­rent“ aus Pas­sau auf die 5km-Stre­cke gehen.


Auf der 5km-Strecke – Zweifel, ob ich mit Behinderung durchhalte 

Das Teil­neh­mer­feld riss sehr schnell aus­ein­an­der, und die ers­ten Zwei­fel kamen auf, ob ich es nicht doch bes­ser hät­te blei­ben las­sen sol­len. Mei­ne Pro­the­se berei­te­te mir immer wie­der Pro­ble­me – nach gut 1,5 km muss­te ich sie das ers­te Mal aus­zie­hen. Der Stumpf fing über­mä­ßig an zu schwit­zen, was lei­der dann dazu führt, dass ich das Vaku­um ver­lie­re. Also hieß es: Pro­the­se aus, Stumpf und Schaft trock­nen. Wenn man dann mit­er­le­ben muss, dass das Teil­neh­mer­feld hin­ter einem immer klei­ner wird, kom­men die Zwei­fel erst recht auf. Doch dank der Unter­stüt­zung mei­ner Beglei­ter, gab ich nicht auf.

Der Kampf gegen mich selbst hat­te begon­nen. Nach der 2,5 km-Wen­de fing mein Kör­per lang­sam an zu rebel­lie­ren: Das Durch­hal­ten fiel immer schwe­rer, die Schmer­zen nah­men unent­wegt zu. Der inne­re Schwei­ne­hund muss­te in die Schran­ken gewie­sen wer­den. Ver­zweif­lung mach­te sich breit. Unzäh­li­ge Gedan­ken schie­ßen einem in die­sem Moment durch den Kopf.

Hält mein Stumpf das aus?

Der Druck auf den Kno­chen ist ja recht groß. Mute ich mir nach so kur­zer Zeit nach der letz­ten Che­mo-The­ra­pie doch zu viel zu? Der Kreis­lauf fing an, gro­ße Pro­ble­me zu berei­ten, eben­so der Stumpf.

Mitt­ler­wei­le waren nur noch die Johan­ni­ter hin­ter uns, wir waren die letz­ten auf der Strecke.


Das Ziel vor Augen – so schaffte ich den Schwebebahnlauf mit Prothese

Dank der Hil­fe von Pas­san­ten – sie ver­sorg­ten mich mit Trau­ben­zu­cker – fing sich mein Kör­per wie­der. Das Ziel lag lang­sam vor Augen. Der Ziel­li­nie immer näher kom­mend, nah­men auch die Zuschau­er wie­der zu und der damit ver­bun­de­ne Applaus. Jeg­li­cher Schmerz schien auf ein­mal ver­ges­sen, ich sam­mel­te dar­aus die letz­te Kraft, es über die Ziel­li­nie zu schaf­fen.

Mit einer Zeit von 1:17:54 h habe ich es durch­ge­zo­gen und bin über die Ziel­li­nie gelau­fen.

Jeg­li­che Anspan­nung, jeg­li­cher inner­li­cher Druck, der auf mir las­te­te, fiel ab. Mei­ne Emo­tio­nen habe ich in die­sem Moment nicht ver­ber­gen kön­nen und ehr­lich gesagt, woll­te ich es auch nicht. Emo­tio­nen zu zei­gen, ist auch eine ganz gro­ße Stär­ke – und davon habe ich, so glau­be ich, reich­lich.

Viel­leicht kann ich dem ein oder ande­ren etwas davon abge­ben. Mei­ne Zeit war zwar nicht die bes­te, aber was zählt schon die Zeit? Ankom­men zählt und die Hür­den zu neh­men, denen ich immer wie­der aufs Neue aus­ge­setzt wer­de. Frei nach dem Mot­to „Auf­ge­ben ist für mich kei­ne Opti­on“ bzw. “Life without Limi­ta­ti­ons“.

Obwohl schon ein paar Tage ins Land gegan­gen sind, wer­de ich noch immer auf mei­ne Leis­tung ange­spro­chen, von Pas­san­ten oder auch Fahr­gäs­ten im Bus. Sie haben mich ent­we­der beim Lauf oder aber im erschie­nen Arti­kel der West­deut­schen Zei­tung gese­hen. Dass es letz­ten Endes so eine Reich­wei­te hat, war mir vor­her nicht bewusst.

Über eine ganz beson­de­re Ehrung habe ich mich wahn­sin­nig gefreut: Sil­via Kra­marz, Vor­stands­vor­sit­zen­de des Schwe­be­bahn­laufs, stand plötz­lich bei uns in der Filia­le im Sani­täts­haus und über­reich­te mir einen Pokal und einen Strauß Blu­men. Sie woll­te mir per­sön­lich zum Lauf gra­tu­lie­ren und zu mei­ner erbrach­ten Leis­tung. Ich sei ein Vor­bild sowohl für Nicht­be­hin­der­te als auch Behin­der­te, mein­te sie. Ich möge bit­te genau so wei­ter machen, mein­te sie.

Was soll ich da noch sagen? Ich bin sprach­los…

Ich bedan­ke mich herz­lich bei allen, die mich unter­stützt haben. Habt Ihr euch auch schon mal Zie­le gesetzt, die eigent­lich uner­reich­bar wir­ken? Ger­ne könnt Ihr mir Eure Fra­gen und Kom­men­ta­re hinterlassen.

2 Antworten auf „Nach Chemo und neuer Amputation: 5km-Lauf geschafft!“

  1. Lie­be Sigrun,

    Du schreibst es ja selbst: „… was zählt schon die Zeit?“ Du bist in die­sen Lauf unter Bedin­gun­gen gestar­tet, unter denen kein Behin­der­ten­sport­ler sich auf die­sen Wett­be­werb ein­ge­las­sen hät­te. Allein dafür zol­le ich Dir schon ein­mal gro­ßen Respekt und Anerkennung.

    Ich habe Dich wäh­rend des Lau­fes mit der Kame­ra beglei­ten dür­fen und habe alle Dei­ne Höhen und Tie­fen haut­nah mit­er­lebt – was auch mich emo­tio­nal an mei­ne Gren­zen gebracht hat. Gera­de im zwei­ten Teil der Stre­cke habe ich mich immer wie­der gefragt, wann Du auf­ge­ben wirst, weil ich gese­hen habe, dass Du eigent­lich mit Dei­nen Kräf­ten am Ende warst und die Ver­zweif­lung Dir ins Gesicht geschrie­ben war. Doch wie ein klei­nes Kind hast Du – fast schon trot­zig – einen Schritt nach dem ande­ren gemacht… bis ins Ziel!!!

    Woher Du die­se Kraft genom­men hast, fra­ge ich mich bis heu­te – und wer­de dar­auf wahr­schein­lich nie eine Ant­wort bekom­men. Wich­tig für Dich – und für alle ande­ren in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on – ist nur die Tat­sa­che, dass Du ange­kom­men bist. Mit Gän­se­haut erin­ne­re ich mich dar­an, wie Du ungläu­big beim Über­schrei­ten der Ziel­li­nie Dei­nen Kopf nach hin­ten gewor­fen hast und mit auf­ge­ris­se­nen Augen und Mund nach oben geschaut hast, so als woll­test Du in die Welt hin­aus­schrei­en: „Schaut her, ich habe es geschafft!!!“

    Ich bin von vie­len jun­gen Lesern unse­rer Bericht­erstat­tung nach dem Lauf auf Dich ange­spro­chen wor­den. Und in allen Gesprä­che spür­te ich eine gewal­ti­ge Hoch­ach­tung gegen­über Dir und Dei­ner Leis­tung. Du bist für vie­le Men­schen, Behin­der­te wie Nicht­be­hin­der­te, ein Vor­bild – was Dei­ne Leis­tun­gen, aber auch was Dei­ne Hal­tung betrifft. Es nicht selbst­ver­ständ­lich, nach so vie­len Nacken­schlä­gen noch wie Du mit erho­be­nem Haup­te stolz dazu­ste­hen und zu sagen: „Hier ste­he ich!“

    Ich wün­sche Dir auch für die Zukunft, dass Du das, was Du Dir vor­nimmst, errei­chen kannst. Und kei­ne Angst – auch Schei­tern ist erlaubt! Wich­tig ist nur, dass Du es versuchst …

    Ich zol­le hier nicht nur der Sport­le­rin, son­dern auch dem Men­schen Sig­run Pas­selat, mei­nen aller­größ­ten Respekt und Aner­ken­nung und zie­he vor Dir mei­nen Hut! 🎩

    #HELDINDESTAGES 💪💪💪 #HELDINDERHERZEN💖💖💖

    1. Hal­lo Matthias,
      mir bleibt gera­de, wort­wört­lich die Spu­cke im Hal­se ste­cken. Ich bin ehr­lich gesagt sowas von sprach­los, das ich dir ger­ne ver­nünf­tig ant­wor­ten wür­de, aber es nicht geht.
      Bei unse­rem sehr aus­füh­li­chen Tele­fo­nat letz­te Woche sind wir ja das Event noch ein­mal zusam­men durch­ge­gan­gen.. ich den­ke da wirst du gemerkt haben das es mich auch jetzt noch sehr berührt.
      Ich bin gespannt was noch fol­gen wird.

      Ganz lie­be Grüße
      Sigrun

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