Phantomschmerzen: Ursachen, Behandlung und mein Tipp

Als ich Ende 2016 vor die voll­ende­te Tat­sa­che gestellt wur­de, dass ich mein Bein ver­lie­ren wer­de, da dach­te ich: Jetzt wird alles gut. End­lich schmerz­frei leben kön­nen. Doch lei­der kam recht schnell die Ernüch­te­rung. Phan­tom­schmer­zen mach­ten sich bemerk­bar. Ein Schmerz, den ich mir nicht erklä­ren konn­te. Das Gefühl, Schmer­zen zu haben, wo kei­ne sein kön­nen. Auch heu­te, nach mei­ner vier­ten Ampu­ta­ti­on am Bein, lei­de ich noch immer dar­un­ter. Teil­wei­se sogar schlim­mer als zu Anfang.

Foto: Pierre Steinhauer

Über­rollt mich so ein Phan­tom­schmerz, erschre­cke ich mich jedes Mal und bin für ein paar Minu­ten wie gelähmt. Das Bes­te, was mir bei solch einer Wel­le hilft, ist die Ablen­kung. In mei­nem Job habe ich die­se zum Glück, anders sieht es dann zu Hau­se aus. Ich ver­su­che, mich erst gar nicht auf den Schmerz ein­zu­las­sen, son­dern mei­ne Gedan­ken an etwas Posi­ti­ves zu knüp­fen.

Im Nach­fol­gen­den möch­te ich auf die meist­ge­stell­ten Fra­gen ein­ge­hen, die ein Ampu­tier­ter unwei­ger­lich zu die­sem The­ma hat.


Was sind Phantomschmerzen genau?

Unter Phan­tom­schmerz ver­steht man eine Schmerz­emp­fin­dung in einer ampu­tier­ten Glied­ma­ße wie Bein oder Arm. Sehr vie­le Men­schen – man geht von bis zu 80% aus – spü­ren unter­schied­li­che Schmer­zen im ampu­tier­ten Kör­per­teil auch wei­ter­hin, sei es nun der klei­ne Fin­ger oder das kom­plet­te Beim inklu­si­ve Ober­schen­kel. Sie füh­len ein Krib­beln, Bren­nen oder auch eine ver­dreh­te Posi­ti­on des betrof­fe­nen Glie­des.

Wich­tig: Man muss unter­schei­den zwi­schen dem oben genann­ten Phan­tom­schmerz, dem Phan­tom­glied (das Gefühl, die Glied­ma­ße sei noch vor­han­den), und dem Stumpf­schmerz, der eben vom ver­blie­be­nen Stumpf aus­geht und auch in Kom­bi­na­ti­on mit dem Phan­tom­schmerz auf­tre­ten kann.


Welche Ursachen hat der Phantomschmerz beziehungsweise Amputationsschmerz?

Die Ursa­chen der Phan­tom­schmer­zen sind enorm kom­plex und abschlie­ßend noch nicht genau geklärt, wer­den aber auf eine Ver­än­de­rung im Gehirn zurück­ge­führt. So könn­te es bei der Ner­ven­re­ge­ne­ra­ti­on eben­so zu einem sol­chem Schmerz­emp­fin­den kom­men sowie auch durch eine ver­än­der­te Schmerz­emp­find­lich­keit im Cor­tex (Groß­hirn­rin­de). Wahr­schein­lich ist auch, dass durch die Umor­ga­ni­sa­ti­on des Gehirns Kon­flik­te zwi­schen alten und neu­en Mus­tern ent­ste­hen. Die For­schung dazu hält an, doch bekannt ist, dass die­se Beschwerden

  1. unter­schied­lich stark bei jedem Betrof­fe­nen aus­fal­len und
  2. häu­fig durch äuße­re Ein­flüs­se ungüns­tig belas­tet wer­den; dazu zäh­len zum Bei­spiel Stress, Wet­ter­ver­än­de­run­gen, Was­ser­las­sen, Stuhl­ent­lee­rung und auch Geschlechtsverkehr.

Vie­le Betrof­fe­ne berich­ten dar­über, dass der Schmerz sich ver­rin­gert bzw. erträg­lich wird, je län­ger die Ampu­ta­ti­on zurück­liegt. Auch die Inten­si­tät der Schmer­zen vor der Ampu­ta­ti­on spielt womög­lich eine Rol­le. Eini­ge lei­den jedoch ihr gan­zes Leben dar­un­ter, was einen im All­tag dann auch ein­schrän­ken kann. Der Erfolg bei einer The­ra­pie hängt mei­ner Mei­nung nach auch davon ab, mit wel­cher Ein­stel­lung – für mich: wie posi­tiv – man an die gan­ze Sache herangeht.


Welche Behandlung gibt es bei Phantomschmerzen?

In der Haupt­sa­che arbei­tet man mit Medi­ka­men­ten, vor allem mit Opio­iden oder Anti­de­pres­si­va. Nicht jedes Medi­ka­ment hilft bei jedem Pati­en­ten. Des­halb ist die­se The­ra­pie stets auf den Pati­en­ten abzu­stim­men, und ein aus­führ­li­ches Auf­klä­rungs­ge­spräch sei­tens des Arz­tes ist not­wen­dig. Im Nach­fol­gen­den möch­te ich ein paar The­ra­pie­for­men aufzeigen:

Spiegeltherapie

Ich möch­te das hier am Bei­spiel eines ampu­tier­ten Bei­nes erklä­ren: Man braucht einen gro­ßen Spie­gel, den man so zwi­schen die Bei­ne nimmt, dass sich das gesun­de Bein dar­in spie­gelt. Man kon­zen­triert sich nur auf das gesunde/​erhaltene Bein. Mit unter­schied­li­chen Übun­gen ver­sucht man jetzt das Gehirn aus­zu­trick­sen, ihm zu signa­li­sie­ren, dass bei­de Bei­ne noch vor­han­den sind und so kei­ne Aus­schüt­tung von Schmer­zen not­wen­dig sind.

Mit der Spie­gel­the­ra­pie soll­te man unmit­tel­bar nach der Ampu­ta­ti­on begin­nen, wenn das Schmerz­emp­fin­den am größ­ten ist. Es hat sich gezeigt, dass man hier die bes­ten Erfol­ge erzie­len kann.

Sensorisches Wahrnehmungstraining (TENS-Therapie, Reizstrom)

Gute Ergeb­nis­se kann man auch mit dem sen­so­ri­schen Wahr­neh­mungs­trai­ning erzie­len: Der Stumpf wird sti­mu­liert, kom­bi­niert mit bewuss­ter Wahr­neh­mung von Rei­zen, was die Mus­ter im Gehirn güns­tig beein­flus­sen kann. Dafür wer­den klei­ne Elek­tro­den auf die Haut geklebt, durch die leich­te elek­tri­sche Impul­se geschickt wer­den. Die­se The­ra­pie­form soll­te aber immer mit einem Medi­zi­ner abge­spro­chen wer­den, da sie zum Bei­spiel für Risi­ko­pa­ti­en­ten mit Herz­schritt­ma­chern oder venö­sen Gefäß­ver­schluß nicht geeig­net sind.

Akupunktur

Die­ses ist eine bekann­te The­ra­pie bei all­ge­mei­nen Schmer­zen. Hier­für wer­den klei­ne Nadeln in die Haut gesteckt, meis­tens ins Ohr. Manch ein Pati­ent emp­fin­det hier kei­nen Schmerz, ande­re berich­ten dar­über, dass es unan­ge­nehm ist. Bei der Aku­punk­tur gibt es auch unter­schied­li­che Vor­ge­hens­wei­sen. Bei der soge­nann­ten Dau­er­the­ra­pie blei­ben die Nadeln bis zu einer Woche drin. Die ande­re Metho­de belässt die Nadeln für ca. 20 Minu­ten im Kör­per, bis sie von einem Medi­zi­ner ent­fernt werden.

Tragen einer Prothese, Liner oder einem Strumpf mit Silberfäden (Relax Night Care)

Bei vie­len ver­rin­gert sich der Schmerz, je öfters und je län­ger sie eine Pro­the­se tra­gen. Das kann man damit erklä­ren, dass der Stumpf einem per­ma­nen­ten Druck oder Rei­zen aus­ge­setzt ist, der soge­nann­ten sen­so­ri­schen Sti­mu­la­ti­on. Der Pati­ent hat die Vor­stel­lung, dass er mit der Pro­the­se das feh­len­de Kör­per­teil wie­der zurü­ck­erlangt hat. Auch berich­ten eini­ge Pati­en­ten dar­über, dass das Tra­gen von einem Strumpf mit Sil­ber­fä­den in der Nacht (Relax Night Care) die Phan­tom­schmer­zen güns­tig beeinflusst.

Therapie mit Medikamenten

Die jedoch meis­tens ange­wand­te The­ra­pie­form bei Phan­tom­schmer­zen ist die mit Anti­de­pres­si­va und Opio­iden. Auch hier soll­te ein Medi­zi­ner immer zur Sei­te ste­hen. Er bestimmt die Dosie­rung und Anwen­dungs­dau­er. Man soll­te sich bei die­ser Behand­lungs­me­tho­de aber im Kla­ren sein, dass es hier auch zu uner­wünsch­ten Neben­wir­kun­gen kom­men kann. Seit kur­zem wird in der The­ra­pie bei Phan­tom­schmer­zen auch dass Medi­zi­ni­sche Can­na­bis ange­wen­det. Aller­dings gilt auch hier: Can­na­bis ist kein Wun­der­mit­tel und hilft nicht allen Pati­en­ten. Men­schen mit einem hohen Risi­ko an Vor­er­kran­kun­gen am Her­zen soll­ten beson­de­re Vor­sicht wal­ten las­sen. Bei die­ser Form der The­ra­pie gilt beson­ders: Nichts ohne Rück­spra­che mit einem Schmerz­arzt. Die­ser bestimmt die Dosis.

Ablenkung bei Phantomschmerzen

Das ist die ein­fachs­te und risi­ko­lo­ses­te The­ra­pie­form in der Behand­lung von Phan­tom­schmer­zen. Man kann sich in sein Hob­by oder sei­ne Arbeit stür­zen, wobei eine hohe Kon­zen­tra­ti­on gefor­dert ist. So hat das Gehirn kei­ne Chan­ce sich auf den Schmerz ein­zu­las­sen. Der ein­zi­ge Nach­teil hier ist jedoch, dass der Schmerz in den meis­ten Fäl­len danach wie­der auftritt.

Fazit zum Phantomschmerz

Ich hof­fe, dass ich Euch einen kur­zen Über­blick über die unter­schied­li­chen The­ra­pie­for­men bei Phan­tom­schmerz ver­schaf­fen konn­te. Wie in allem ande­ren auch, muss jeder für sich selbst her­aus­fin­den, was für ihn die bes­te Form der The­ra­pie ist. Wich­tig bei allen The­ra­pie­for­men ist vor­ab das Gespräch mit dem behan­deln­den Arzt. Nichts soll­te ohne die medi­zi­ni­sche Abklä­rung durch­ge­führt wer­den.

Ich habe mich für die Form der Ablen­kung ent­schie­den, hier pro­fi­tie­re ich am bes­ten davon. Je län­ger ich abge­lenkt, bin umso eher bleibt der Phan­tom­schmerz weg bezie­hungs­wei­se aus.

Soll­ten Fra­gen bestehen darf ger­ne kom­men­tiert wer­den. Ich ver­su­che, alles nach bes­tem Gewis­sen zu beant­wor­ten und ste­he mit Rat und Tat zur Seite.

2 Antworten auf „Phantomschmerzen: Ursachen, Behandlung und mein Tipp“

  1. Dan­ke – Das ist sehr gut erklärt und hilft vie­len Betrof­fe­nen sicher­lich, das Pro­blem zu ver­ste­hen. Infor­ma­ti­on ist essen­ti­ell um sich Pro­ble­men sach­lich stel­len zu kön­nen und sie zu verarbeiten.

  2. Super erklärt lie­be Sig­run. Ich habe im Kran­ken­haus direkt mit der Spie­gel­the­ra­pie begon­nen mir hat sie gehol­fen . Phan­tom­schmer­zen ken­ne ich fast gar nicht. Medi­ka­men­te gegen Phan­to­mis neh­me ich auch nicht. Für den Not­fall steht der Spie­gel bereit. Lie­be Grü­ße Ulrike

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