Amelotatismus: Was steckt dahinter und wie gehe ich damit um?

Dieser Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet soviel wie die Zuneigung (tatis) für Menschen ohne (a) Glied (melos) – sprich: die Zuneigung für Menschen mit fehlenden Gliedmaßen.

Ich erlebe immer wieder, dass vielen der Begriff nicht bekannt ist, obwohl es etwas ist, was in der Gesellschaft sehr häufig aufritt. Doch warum ist es vielen nicht bekannt? Ich denke das liegt daran, dass die meisten Amelotatisten ihre Neigung nicht öffentlich machen, da sie keinen guten Ruf genießen bzw. als pervers abgestempelt werden.

Als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde, gebe ich offen zu war ich geschockt, dass es Menschen gibt, die eine Vorliebe für jemanden besitzen, dehnen ein Körperteil fehlt. Für mich etwas Unfassbares, dass man augenscheinlich das „so Unperfekte , als schön empfinden kann“. Ich kann aus Erfahrung, allerdings ohne wissentlich persönlichen Kontakt gehabt zu haben, sagen, dass es solche und solche gibt. Da gibt es die, die einen ganz normal behandeln und das fehlende Körperteil für sie als Pluspunkt dazu gehört und die anderen, die nur darauf fixiert sind und wo der Mensch keine große Rolle spielt.

Gerade durch die Sozialen Medien wird es den sogenannten „Amelos“ (männliche Form)/ „Amelinen“ (weiblich) sehr leicht gemacht sich untereinander auszutauschen und Kontakte zu Menschen mit Handicap zu bekommen. Leider führt das auch dazu, dass Fotos, obwohl sie geschützt sind, sich in dieser Zielgruppe sehr schnell verbreiten und auch so bearbeitet werden, dass diese noch einen gewissen Kick geben. 

Wer mich und meine Seiten im Netz verfolgt, weiß dass ich sehr aktiv bin und sehr regelmäßig Beiträge poste, worauf man mich mit und ohne Prothese sehen kann. Mir ist durchaus bewusst, dass sich dadurch die Amelos angezogen fühlen. Wir amputierten Frauen werden überwiegend von den männlichen Amelos kontaktiert, es gibt aber auch die weiblichen, die „Amelinen“. Ich könnte solche Kontakte nur umgehen, wenn ich meine Seiten, ob auf Facebook oder Instagram, auf nicht öffentlich stelle. Doch, warum mache ich genau das nicht? Ich kann es euch sagen… Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, anderen Betroffenen zu zeigen, was man alles erreichen kann, trotz vieler Rückschläge die ich bereits einstecken musste. Meine Seiten, egal ob Facebook, Instagram oder auch auf meiner Homepage sollen ein Ansporn sein, dass man das Schicksal anpacken sollte und den Focus nach vorne richten soll, auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Denn der Weg ist das Ziel. Dass ich damit auf dem richtigen Weg bin, zeigen mir immer wieder die lieben Nachrichten, die mich erreichen. Behandelt man mich aber nicht mit dem nötigen Respekt, habe ich immer noch die Möglichkeit Follower zu blockieren. Ich habe für mich festgestellt, wenn ich die Follower mit Missachtung strafe, hören sie in den meisten Fällen auf, mich so zu behandeln. Mir liegt viel daran, dass die Akzeptanz zunimmt, schließlich sucht sich keiner solch eine Neigung aus. 

Doch warum nutze ich die Gelegenheit, um mich zu so einem Thema zu äußern? Ich möchte versuchen etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Deswegen habe ich die Gelegenheit genutzt, Fragen über die sozialen Netzwerke zu stellen, um mit dem ein oder anderen in Kontakt zu treten. Was mir jedoch aufgefallen ist, es hat mir nicht eine einzige Ameline geantwortet, obwohl sich auch diese unter meinen Followern befinden. Aus diesem Grund kann ich natürlich nur auf die Antworten der männlichen Follower zurück greifen. Ich bin mir dessen sehr bewusst, auf welches Terrain ich mich da begebe, denn viele stempeln solch eine Neigung/​– Verhalten als pervers ab. Heraus gekommen sind die unterschiedlichsten Antworten, gerade was das Outing betrifft. Nachfolgend habe ich die Antworten zusammengefasst. Eine für mich entscheidende Frage stellt sich mir natürlich, ob die Neigung verheimlicht wird, oder offen dazu gestanden wird. Ein Teil hat kein Problem damit es zu offenbaren, der andere Teil hat wiederum Angst- Angst als krank und pervers abgestempelt zu werden. Andere wiederum suchen sich die Hilfe bei einem Therapeuten, um über die Probleme, die so eine Neigung mit sich bringt, zu reden.

Doch was fasziniert bzw. reizt einen Mann an einer amputierten Frau? Die meisten berichteten mir darüber, dass es die Andersartigkeit in sämtlichen Bewegungsabläufen ist, andererseits aber auch die Asymmetrie des Körpers und das außergewöhnlich neue Körperteil. Es wird als diffuse Attraktivität bezeichnet, die von amputierten Frauen ausgeht. Ähnlich zu betrachten, wenn andere Männer sich von großen Brüsten, stark adipösen Frauen oder welche mit blonden Haaren angezogen fühlen, ist es in diesem Fall, dass eine Frau attraktiv ist, wenn ihr ein Körperteil fehlt. Natürlich wirkt es sehr unmenschlich, so etwas interessant und anziehend zu finden, es wird sogar als pervers und abstoßend bezeichnet. Vergleichbar mit der Homosexualität, die auch sehr lange in der Gesellschaft gebraucht hat, um anerkannt zu werden.. In diesem Fall sind es die Reize, die eine amputierte Frau noch attraktiver und interessanter erscheinen lassen. Eine amputierte Frau ist eine Frau wie jede andere auch. Sie ist nicht mehr und nicht weniger wert. Ganz im Gegenteil, man sollte ihr Respekt zollen, wie anderen Menschen mit anderen Handicaps eben auch. Einen ganz wichtigen Aspekt, so teilte man mir mit, ist, dass es auch im Alltag immer wieder zu Problemen kommen kann und es mehr Verständnis und Rücksichtnahme erfordert. Leider sind sich die meisten Amelos dessen nicht im Klaren – oder sie sehen es als Spiel an. Die meisten Frauen mit diesem Handicap (und auch mit anderen Handicaps), sind Kämpfer, das wird als anziehend empfunden. Als faszinierend wird auch empfunden, wenn eine Frau trotz Handicap noch immer ein Lächeln im Gesicht hat, Lebensfreude versprüht und offen damit umgeht.

Doch warum eilt den Amelos so ein schlechter Ruf voraus? Es gibt meiner Erfahrung nach, das eine oder andere schwarze Schaf unter den Amelos, welche unerlaubt Aufnahmen machen oder private Fotos teilen. Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, bin auch ich davon betroffen. Die, die es ehrlich meinen, bekommen es von denen versaut, die sich wie Idioten verhalten. Einfachste Grundregeln der Kommunikation und Interaktionen werden verletzt. Viele dieser Männer verstecken sich hinter Fakeprofilen und nutzen regelrecht das Internet, um mit einer Frau in Kontakt zu treten. Sie sind frustriert, da sie ihren“ Fetisch“ nicht ausleben können, dadurch überschreiten sie eine Hemmschwelle und fangen an die Frauen zu belästigen, zu stalken und führen total inakzeptable Handlungen durch, die dann respektlos sind. Schlussendlich werden meistens alle Amelos in einen Topf geworfen und abgelehnt. Deswegen bekommen die meisten erst gar keine Möglichkeit, um mit einer amputierten Frau in Kontakt treten zu können. Zum anderen können viele Amelos anscheinend mit ihrer Neigung nicht richtig umgehen, die meisten sind dann nur auf de Behinderung fixiert, Gefühle werden verletzt und schlechte Erfahrungen gemacht. . Verständlicherweise bekommen diese dann keine Möglichkeit eine Frau kennenzulernen. Im Internet liest man ja meist nur Negatives und sollte sich eine Frau mit Handicap positiv zum Thema äußern; wird sie auch sofort angegriffen und leider überwiegen da die negativen Erfahrungen.

Zum Abschluss noch ein paar Worte von mir. Erst einmal möchte ich mich bei all denen bedanken, die mir meine Fragen auf Instagram beantwortet haben. Ich habe versucht die mir gegebenen Antworten kurz zusammen zu fassen, da viele sehr ähnlich waren. Was ich mir wünschen würde ist, dass die Gesellschaft dem Ganzen mit mehr Akzeptanz gegenüber tritt. In der heutigen Zeit, in der die Generationen gegenüber Homosexuelle, Transgender usw. als sehr aufgeschlossen gelten, sollte das meiner Meinung nach kein Problem darstellen. Social Media hat dabei einen sehr großen Einfluss genommen und endlich werden auch Menschen gehört, die lange wegen ihrer Neigung verachtet wurden. Einen ganz speziellen Wunsch habe ich an die Amelos: Hinterfragt euer Verhalten und steht offen dazu. Stellt eure Fakeprofile ein, hört auf die Frauen zu betrügen und unterlasst unangebrachtes Verhalten. Es verhilft euch dazu ‚nicht abgestempelt zu werden und euch besser dastehen zu lassen.. Nur so kann von beiden Seiten ein vernünftiger Dialog geführt werden und sich die ganze Situation irgendwann auch entspannen. Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, weil ich dieser Auffassung bin, dass andere Betroffene ebenso meiner Ansicht sein müssen. Jeder hat das Recht, seine eigene Ansicht und Meinung zu diesem Thema zu haben. Wenn man sich mit Respekt und Empathie begegnet und Interesse an einem Austausch untereinander hat, sollten solche Neigungen normalerweise kein Problem darstellen. Wenn die Neigungen aber zu stark und dominant werden, dass das Zwischenmenschliche in den Hintergrund tritt und die amputierte Frau, oder der amputierte Mann nur als Objekt der Begierde angesehen wird, sollte man das nicht akzeptieren. In diesem Fall läuft dann etwas falsch und man sollte sich Hilfe suchen.

Vielleicht kann ich mit diesem Beitrag die Sichtweise auf diese Neigung etwas ändern. Ihr dürft mir gerne einen Kommentar hinterlassen.

5 Antworten auf „Amelotatismus: Was steckt dahinter und wie gehe ich damit um?“

  1. ein gut durchdachtes und rationales Schreiben von Erfahrungen von Ihrer Seite. Lebe das Leben in vollen Zügen, überwinde die Herausforderungen und werde von allen als normal akzeptiert und genieße die Welt Respektiere die Frau, respektiere das Leben, alles ist normal, du navigierst nur mit einem Bein

  2. Hallo Sigrun,
    das hast du sehr gut ge- und beschrieben. Ich habe mich auch in einigen Passagen wiedererkannt 🙂
    Ich glaube, das Zauberwort für beide Seiten lautet „Gegenseitiger Respekt“ und ich würde mir wünschen, dass die Betroffenen (Amputierte) den Amelos eine Chance geben würden. Stellt sie auf die Probe. Ein Amelo, der es ernst meint, wird grundsätzlich nur nach einem normalen Profilbild fragen, nicht nach anderen.
    Und – es gibt auch ehrliche Amelos 🙂

  3. Liebe Frau Passelat,

    Das ist ein brisantes Thema für beide Seiten. Bei Amelos ist auch ein hoher Leidensdruck, Verständnis und vernünftiges Handeln auf beiden Seiten ist wichtig. Auch viele Amelos sind sensible, verletzliche Menschen.

    Das mit den heimlichen Fotos, Nachstellen, usw. ist aber kein spezielles Phänomen bei Amelotatismus, sondern das ist sehr weit verbreitet, Stichwort Upskirting. Die Technik machts irgendwie möglich, weil jetzt jeder ein Schmarrnfon mit Kamerafunktion hat.

    Früher wurde diese Neigung sicherlich noch mehr in Schmuddelläden unterm Ladentisch bedient, nach Aufkommen des internet haben Produzenten von Fotos und Filmen auch vermehrt dort ihre Waren angeboten. Es gibt ja auch Frauen, die sich dafür hingeben und selbst Bilder und Filme produzieren.
    Ich denke das Phänomen ist schon lange bekannt und wird auch durch verschiedene Medien/​Filme/​Illustrierte/​Serien/​Talkshows mehr oder weniger offensichtlich bedient.

    Ich bin der Ansicht, das Amputierte möglichst früh über das Phänomen informiert werden sollten, um nicht erst bei einem negativen Erlebnis durch Betrüger, heimliche Knipser, Stalker damit konfrontiert zu werden und sich vorher wehren können.

    Ich will damit niemanden belästigen und träume nur noch von einem schönen gemeisamen zweisamen Leben. Das wird sich wohl auch nie erfüllen, vor über 35 Jahren träumte ich schon in der Pubertät von einer derartigen Beziehung, seit rund 20 Jahren hab ich Internet und weiss, dass ich nicht allein mit dieser Neigung bin und ich Amelo bin. Grundsätzlich möchte ich niemanden verletzen, stalke, fotografiere und filme nicht, nutze das was da freiwillig so ins „normale“ Internet gestellt wird. Bei Zufallsbegegnungen mit einer amputierten Frau in der Nähe werde ich extrem nervös und versuche die Situation zu verlassen, mir nichts anmerken zu lassen, nicht zu gaffen. 

    Ich bewundere Ihre Stärke, finde Ihre beachtlichen sportlichen Leistungen toll. Sie haben eine tolle positive Ausstrahlung. Lassen Sie sich nicht unterkriegen und von den bösen Fetisch-Amelos erniedigen, nur auf das Eine reduzieren.

    Alles Gute!

  4. Vielen Dank für diesen gut recherchierten und vor allem ausgewogenen Artikel! Danke auch für den Vergleich der Vorliebe mit Homosexualität – das kann ich für mich bestätigen, dass es da viele Parallelen gibt. 

    Eine Sache, die aber anders ist, und da muss ich ein bisschen widersprechen, ist die Häufigkeit von Amelos und Amelinen. Es gibt nur sehr wenige von uns. Ich weiß, dass man das als Mensch mit Behinderung nicht so wahrnimmt, weil man da, gerade wenn es um Amputationen geht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Aber ich denke, das ist kein neutraler Blickpunkt. Und daher liegt der Grund, dass niemand weiß, was Amelotatismus ist, nicht darin, dass wir uns so gut verstecken (das kommt dazu, aber generell sind sexuelle Vorlieben einfach nicht Teil eines großen öffentlichen Diskurs‘). Sondern darin, dass es so wenige von uns gibt. Ich habe schon einigen Menschen von meiner Vorliebe erzählt und keiner davon (zumindest keiner ohne Behinderung oder Bezug zum Thema) hatte davon vorher schonmal gehört. Die Frage, wie viele Amelos es gibt (und ob es auch Amelinen gibt – ja, ich bin eine), taucht regelmäßig auf. Da es keine wissenschaftlichen Studien darüber gibt, kann man nur spekulieren. Wer das spannend findet, ich hab hier mal was dazu geschrieben: https://kissability.de/wie-viele-amelos-gibt-es-der-versuch-einer-annaeherung-mangels-wissenschaftlicher-evidenz

    Ein wichtiger Punkt ist noch, dass es vielfältige Behinderungen sind, die für Amelos interessant sind, nicht nur Amputationen. Da ist das Spektrum sehr breit und es gibt große Unterschiede von Amelo zu Amelo. Der Begriff kommt daher, ja, wird aber inzwischen auch für die sexuelle Vorliebe für Menschen mit Behinderung allgemein verwendet.

    Und ein letzter Kommentar zum Thema, ob sich Amelos der Alltagsproblematiken bewusst sind, die mit einer Behinderung einhergehen: In meiner Erfahrung sind wir uns dessen sehr bewusst. Es gibt unter den Amelos ein relativ detailliertes Wissen über die medizinischen und sozialen Aspekte der verschiedenen Behinderungen. Selbst wenn keine persönlichen Erfahrungen vorhanden sind, auf die man zurückgreifen könnte: Es gibt ja immer Quellen zum Informieren. Ich könnte zum Beispiel von so ziemlich jedem Restaurant im Umkreis von einigen Kilometern sagen, ob es barrierefrei ist oder nicht.

    Ich weiß von mir und anderen, dass gerade das gemeinsame Alltagserleben (das hat Radfahrer oben auch schon gut beschrieben) und alles, was dazu gehört, eine große Anziehung ausübt. Da geht es gar nicht immer um Sexuelles, sondern auch um die Faszination, das Leben mit jemandem zu teilen, der so eine intensive Auswirkung auf die eigene Person und das eigene Erleben hat. Und häufig sind das ganz besonders tiefe und intime Erfahrungen für beide Partner – sich als Amelo angenommen zu fühlen genauso wie die Behinderung nicht verstecken oder überspielen zu müssen.

  5. Gestern hatte ich ein Gespräch über viele Themen mit nem Bekannten, den ich schon einige Jahre kenne.

    Zwischendurch kam dann das Thema auf, dass in einer Wohneinrichtung für geistig Behinderte irgenwelche „Gestörte“ diese Behinderten entführen und mißbrauchen würden.
    – schlimm genug, dass es sowas auch gibt -
    Nun sagte mein Bekannter einen Begriff dafür, dass sind nämlich die Amelos die das machen. Ich überlegte mal wie ich ihn aufklären sollte, aber wollte meine Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

    Ich denke da besteht in der breiten Gesellschaft ein völlig falsches Bild, über das was viele von uns Amelos wirklich bewegt und träumen.

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