Jeder ist gut, so wie er ist!

In mei­nem neu­en Bei­trag möch­te ich euch etwas über das „Ich-Sein“ und das „Anders-Sein“ erzählen.

Mitt­ler­wei­le sind fast zwei Mona­te seit mei­ner Hüft­ex­ar­ti­ku­la­ti­on ver­gan­gen. Zwei Mona­te, die wie im Flug ver­gan­gen sind. Zwei Mona­te, in denen ich kei­nen Tag ohne Schmer­zen war. Zwei Mona­te, in denen ich eigent­lich jeden Tag dar­an erin­nert wer­de, wie es vor mei­ner erneu­ten Ampu­ta­ti­on gewe­sen ist. Erin­ne­run­gen kom­men hoch, wenn ich Bil­der sehe, auf denen ich mit Pro­the­se unter­wegs bin. Doch gera­de im All­tag wird mir deut­lich vor Augen geführt, noch ohne pro­the­ti­sche Ver­sor­gung zu sein – egal ob beim Ein­kau­fen oder beim Woh­nung put­zen. Alles braucht deut­lich län­ger. Pau­sen und Ruhe­pha­sen bestim­men den Tages­ab­lauf. Ich mache jeden Tag ein paar Klei­nig­kei­ten, um mei­ne Selbst­stän­dig­keit zu behal­ten.


Doch was hat das mit „Jeder ist gut, so wie er ist!“ zu tun? 

Ich bin vor kur­zem gefragt wor­den, war­um ich immer läch­le, war­um ich nicht schon längst auf­ge­ge­ben habe. Sei­en wir doch mal ehr­lich: Jeder ist ein­zig­ar­tig! Daher ist jeder etwas „anders” und jeder Mensch fühlt sich anders. Es geht doch dar­um, sein anders sein, sei­ne Beson­der­heit zu akzep­tie­ren, sie anzunehmen. 

Genau das habe ich getan!

Ich bin dabei, mich per­sön­lich wei­ter zu entwickeln. 

Aber auch nur soweit, wie ich es für mich rich­tig halte… 


Mei­nen Mut und mei­ne Zuver­sicht habe ich nach all den Ereig­nis­sen nicht ver­lo­ren. Es gab eine Zeit vor mei­nen Ampu­ta­tio­nen, wo es so gut wie kei­ne Fotos von mir im Social Media Bereich gege­ben hat. Im Lau­fe der Zeit habe ich gelernt, mich und mei­nen Kör­per anzu­neh­men. Heu­te kann ich an mir run­ter­schau­en und zu mir sel­ber sagen: „Das bin ich! Und ich bin schön, so wie ich aus­se­he!“ Sobald man das von sich sel­ber sagen kann, strahlt man das auch nach außen aus. Doch auch bei mir gibt es Momen­te, die mir vor Augen füh­ren, dass ich eine Behin­de­rung habe.

An einem Bei­spiel möch­te ich euch das deut­lich machen:

Eini­ge kön­nen sich viel­leicht noch dar­an erin­nern, dass ich einen gro­ßen Traum hat­te: den Traum, end­lich wie­der Mara­thon zu lau­fen. Es soll ein Traum blei­ben. Ich habe mich von dem Wunsch, mit einer Sport­pro­the­se zu lau­fen, ver­ab­schie­det. Statt des­sen schaue ich mich nach einem geeig­ne­ten Hand­bike um. Über mein Sani­täts­haus bekam ich auch einen Kon­takt mit einem Händ­ler. Mit der genau­en Vor­stel­lung im Kopf mach­te ich dort einen Ter­min zur Besich­ti­gung und Pro­be­fahrt. Als ich jedoch auf den Hof des Händ­lers kam, traf mich regel­recht der Schlag. 

„Ok“, dach­te ich, „nur nicht vor­schnell urteilen…“ 

Ich ent­schied mich dazu, mir das Rad erklä­ren zu las­sen. Das Pedal wur­de umge­baut, damit ich mit mei­nem erhal­te­nen Bein fah­ren konn­te. Die Pro­be­fahrt konn­te begin­nen – sofern das auf einem Hof mit gepark­ten Autos über­haupt mög­lich ist. Doch auf ein­mal mach­te sich ein Gefühl in mir breit, was ich so noch nicht erlebt habe – ich brach urplötz­lich in Trä­nen aus. Ich fühl­te mich das ers­te Mal behin­dert, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich das bin. Aber ich muss nicht behin­dert gemacht wer­den! Die­ses Rad hat­te nicht im ent­fern­tes­ten Sin­ne etwas mit mei­ner Vor­stel­lung zu tun. 

Ich suche ein Rad für den Sport, bei die­sem Rad han­del­te es sich aber um ein The­ra­pie­rad. Ich möch­te nicht, dass hier jetzt der Ein­druck ent­steht, ich möch­te die­ses Rad schlecht reden. Es gibt genug Per­so­nen, die nur mit die­sem Rad mobil sein kön­nen, für die es genau das rich­ti­ge ist. Für mich aber nicht! Ich möch­te anfan­gen, mit einem Hand­bike wei­te Stre­cken und spä­ter sogar Tages­tou­ren zurück­zu­le­gen. Um für mich mit der Situa­ti­on und dem damit ver­bun­de­nen Gefühl klar­zu­kom­men, habe ich die Pro­be­fahrt abge­bro­chen. Mein Kopf woll­te ein­fach nicht mehr, ich fühl­te mich schlecht. Ich hat­te mir gegen­über ein schlech­tes Gewissen. 

Was wäre, wenn ich wei­te­re Medi­zi­ner auf­ge­sucht hät­te? Hät­te es doch noch eine Chan­ce gege­ben mein rest­li­ches Bein zu erhal­ten? Gedan­ken, die völ­lig fehl am Platz gewe­sen sind. Ich hat­te doch alles unter­nom­men, mir genug Mei­nun­gen eingeholt… 

Es blieb mir nichts ande­res übrig, als mich gegen den Erhalt mei­nes „Bei­nes“ zu entscheiden. 

Eine Ent­schei­dung für das Leben und für ein Leben mit even­tu­ell grö­ße­ren Hindernissen.

Doch wie oft tref­fen wir Ent­schei­dun­gen, um ande­ren zu gefal­len, oder bes­ser gesagt, um nicht aufzufallen? 

Ein­mal am Tag? 

Ein­mal in der Woche? 

Oder sogar nur ein­mal im Monat? 

Ich den­ke, vie­ler die­ser Ent­schei­dun­gen lau­fen unbe­wusst ab und gehö­ren zum All­tag dazu. Doch auch ich ertap­pe mich immer wie­der in Situa­tio­nen dabei, dass ich mei­nen Mund hal­te, mich zurück­zie­he, nur um eben nicht aufzufallen. 

Auf der einen Sei­te möch­te ich ein Vor­bild für ande­re sein, die eben nicht von sich sagen kön­nen „Ich bin schön, so wie ich bin.“. Auf der ande­ren Sei­te fan­ge ich an, gegen zwei Fron­ten in mir zu kämp­fen. Das Wesent­li­che dabei ist jedoch, dass ich für mich sel­ber ler­nen muss­te, mich und mei­ne Fähig­kei­ten als etwas Beson­de­res zu sehen und anzu­er­ken­nen, ohne mich dabei klein zu fühlen.

Hier ein paar Tipps wie Du ler­nen kannst, Dich anzu­neh­men und zu akzeptieren:

  • Ler­ne Dich und Dei­ne Stär­ken und Poten­zia­le kennen.
  • Höre in Dich hin­ein: „Was will ich erreichen?“
  • Ver­su­che, Dich sel­ber aus­zu­hal­ten, ohne Druck auf dich aufzubauen.
  • Mache es so, wie Du es für rich­tig hälst und nicht, wie ande­re es von Dir verlangen.
  • Ler­ne, stolz auf dich zu sein.


Doch wie mache ich ande­ren Mut, sich selbst zu akzeptieren?

Frü­her ver­such­te mein Umfeld, mich in eine Rich­tung, in eine Form zu pres­sen. Ich fühl­te mich unglück­lich, habe mich und mei­nen Kör­per nicht akzep­tiert. Erst als ich ange­fan­gen habe, an mir selbst zu arbei­ten, habe ich auch ange­fan­gen mich selbst zu akzep­tie­ren, konn­te den Mut fas­sen mich so zu zei­gen wie ich bin. 

Ich hof­fe, dass ich euch mit mei­nen Erfah­run­gen ein Stück hel­fen kann. Denn erst die Selbst­ak­zep­tanz kann Dich zu einem Men­schen machen, der sich selbst liebt.

Ich bin ich und bin gut so, wie ich bin!




Ver­ra­te mir: Wo bist du anders als ande­re?

Ich bin gespannt auf dei­ne Antworten.

3 Antworten auf „Jeder ist gut, so wie er ist!“

  1. Lie­be Sigrun,
    vie­len leben Dank für die­sen Bei­trag und für dei­ne Offen­heit. Wirk­lich sehr star­ke Worte.
    Ich sehe mich in meh­re­ren Din­gen anders.
    1. Ich habe etwas mehr auf den Rip­pen, schä­me mich aber nicht dafür!!
    2. Ich bin bei mir auf der Arbeit der ein­zi­ge, der ehren­amt­lich in der katho­li­schen Kir­che tätig ist dazu steht!!
    3. Ich bin Anfang 40 und schon kom­plett grau und ste­he dazu.

    Ich wün­sche dir ein schö­nes Wochenende.

    Lie­be Grüße
    Benjamin

  2. Selbst­ak­zep­tanz erreicht man aus mei­ner Sicht nur über Arbeit an/​mit sich selbst. Das ist mit­un­ter sehr hart und schmerz­haft. Hil­fe von Außen sehe ich als kri­tisch, da einem damit die eigent­li­che Arbeit abge­nom­men wird. Es ist ein Pro­zess, der bei mir bei­na­he 50 Jah­re gedau­ert hat und noch nicht abge­schlos­sen ist. Ich bin här­ter gewor­den. Zu mir, aber auch zu ande­ren. Ich beschäf­ti­ge mich weni­ger mit den Mei­nun­gen und gut­ge­mein­ten Rat­schlä­gen Außen­ste­hen­der. Hilf­reich fand ich den Rat­schlag „Blei­ben Sie bei sich“. Weni­ger auf das geben, was ande­re sagen und mehr auf sich selbst ach­ten. Sich jeden Tag for­dern, nicht über­for­dern. Rea­lis­tisch blei­ben, nicht jam­mern. Nach vor­ne schau­en, Zie­le set­zen und das STGB befol­gen – was kann dann noch schiefgehen 😉

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